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Landhausstil verdankt seinen Namen der Lage der prototypischen Häuser, wie
allerdings auch der Schicht, der die Besitzer dieser Häuser entstammen. Ein
Landhaus war namentlich die Sommerresidenz reicher Bürger, die sich hierher
zurückzogen, um ihren Urlaub in der Idylle der natürlichen Umgebung zu verbringen.
Die Bezeichnung Landhaus macht nur dort Sinn, wo es ebenso eine Stadtwohnung
gibt. So wäre wohl niemand aus der bäuerlichen Bevölkerung darauf verfallen,
sein Haus ein Landhaus zu nennen, obwohl es im strengen Sinn als solches zu
bezeichnen gewesen wäre.
Mehr als zur Bezeichnung hat die Landbevölkerung zum Stil der Gebäude selbst
beigetragen. Denn die Sommervillen der Stadtbürger sollten sich optisch und
atmosphärisch in die Umgebung fügen, in der sie situiert waren. Man gestaltete
sein Landhaus entsprechend dem Vorbild der bereits vorhandenen, gleichsam
natürlich gewachsenen Bauernhäuser. Deren Beschaffenheit ging auf
jahrhundertealte Traditionen zurück und hatte sich unter Auseinandersetzung mit
den Umständen entwickelt, unter denen die einheimischen Bauherren lebten. So
ist für den Landhausstil – sei es bayerischer,
sei es skandinavischer oder aber mediterraner Provenienz – die Verwendung
gerade solcher Materialien typisch, zu denen die lokale, meist ärmliche
Bevölkerung Zugang hatte. Die knappen Mittel und das nichtsdestotrotz
vorhandene Bedürfnis, sich angenehm einzurichten, resultierten in der
Entwicklung eines Stils, in dem weitestgehend naturbelassene Materialien und
Oberflächen den Ton angeben. Dieser Stil zeichnet sich atmosphärisch durch eben
seine Natürlichkeit aus und erzeugt durch die erdigen Farbtöne eine wohlige und
sehr gemütliche Stimmung.
Auf einem entschieden anderen gestalterischen Ansatz beruht ein Stil, der
seinen Ursprung und seine praktische Rechtfertigung aus der städtischen
Umgebung bezieht. Die Bau- und Einrichtungsart, die wir als modern bezeichnen,
war durch die gegenüber der Provinz ganz andersartigen Voraussetzungen
motiviert, die im Stadtleben herrschten. Waren Zeitgeist und Notwendigkeit hier
auf Pragmatismus und Funktionalität ausgerichtet, so spitzte sich die
Entwicklung modernen Designs in materieller Hinsicht auf die Tugenden hin zu,
die bereits dem Landhausstil von den Umständen diktiert worden waren. So
dominieren auch im modernen Design zu weiten Teilen nur im nötigsten Maß
verkleidete Oberflächen, die Materialien treten offen und schnörkellos zu Tage.
Hier offenbart sich eine nahe liegende Möglichkeit zur Symbiose: Moderne
Gebäude und Einrichtungen entbehren oft und sicher nicht immer ungewollt der
spezifischen Wärme und Häuslichkeit, die so typisch ist für das Landhaus. Die
Übernahme seiner Materialien – von Holz, Naturstein und Tonelementen –
kompensiert eines der herausragenden Merkmale des modernen Stils, das ihn für
einen Großteil der privaten Bauherren lange Zeit unattraktiv gemacht hat.
Gleichzeitig verliert der moderne Stil nicht seinen rohen, abstrakten
Charakter.
Andererseits profitiert der Landhausstil durch die spezifisch modernen Formen.
Offen, hell und schnörkellos präsentiert sich heute manches restaurierte
Landhaus, Scheunen werden unter Einbeziehung ihrer oft unkonventionellen Formen
zu Wohnhäusern hergerichtet. Das Landhaus bleibt dabei dank der Beibehaltung
seiner charakteristischen Materialien Teil des Landes, bleibt warm und
wohnlich.
Die Kunst moderner Wohnraumgestaltung besteht darin, sich auf der Höhe der Zeit
zu bewegen, ohne die spezifischen Bedürfnisse zu vernachlässigen, die an den
Wohnraum als solchen gestellt werden. Und diese Bedürfnisse sind in den
seltensten Fällen rein funktional zu bestimmen. Wie die wenigsten Menschen zwar
in der Vergangenheit leben wollen, so sehnen sie sich doch ebenso nach einer
Wohnung, welche die Wärme ausstrahlt, die sie selbst in sich tragen. Sofern sie
beherrscht wird, kann die Kombination aus moderner Architektur und ästhetisch
tragenden Elementen des Landhausstil beide Bedürfnisse auf
anspruchsvolle Weise befriedigen. Ohne der städtischen Modernität zu entbehren,
wird der Wohnraum dann diejenige Idylle verkörpern, welche seine einstigen
Herren in ihrem Landhaus gesucht haben.